Einige neuere Entwicklung in der kubanischen Landwirtschaft
Zunächst einige grundlegenden Informationen über die landwirtschaftliche Produktion:
- Agrarreform 1959, Landvergabe an private Bauern, verschiedene Formen von Genossenschaften: CCS: Créditos y servicios, CPA: producción Agropecuaria, UBPC: Unidades Básicas de Producción Cooperativa (1993 = Transformation vieler staatlicher Betriebe in Genossenschaften mit Landvergabe in Pacht), also überwiegend privat wirtschaftende Produzenten. Ein guter Teil der Produzenten ist Selbstversorger, der aber wenig auf den Markt bringt. Nur wenig Boden guter Qualität, seit Jahren Vergabe von brach liegendem Land im Nießbrauch auch an Nichtbauern, schwierige klimatische Bedingungen: Dürren, Überschwemmungen in Folge von Hurrikanen…
- Nicht unabhängig von wirtschaftlicher Situation insgesamt: Blockade und Terrorliste, Rückgang des Sozialprodukts, Inflation, Devisenmangel, Stromabschaltungen, fehlender Treibstoff. In der Landwirtschaft technologischer Rückstand: Bewässerungssysteme, Technik und Ersatzteile etc., Mangel an Betriebsmitteln aller Art, insbesondere auch von Düngemitteln und Insektiziden, von Samen etc. Ökologischer Landbau und Kreislaufwirtschaft sind politisch erwünscht und in Praxis. Ebenso der Anbau von proteinreichen Pflanzen und die Produktion eigener Samen. Erschwerend: Emigration und Landflucht wegen harter Arbeit und schwieriger Lebensbedingungen.
- Grundsätzlich soll eine Selbstversorgung der Provinzen und Gemeinden angestrebt werden. Für die Versorgung großer Städte reicht dies natürlich nicht aus, hier wird auch eine ergänzende städtische Landwirtschaft (organipónicos) gefördert.
- Planwirtschaft: ein bestimmtes Quantum der Produktion soll zu festgelegten Preisen an den Staat zur Versorgung der Bevölkerung abgegeben werden (acopio), einerseits für Krankenhäuser und weitere staatliche Einrichtungen (Kinder, Alte) und für die Libreta für jeden Bürgen (Basisversorgung der Familie) und für Schwangere und Kinder (Milch). Eine darüber hinaus gehende Produktion kann frei am Markt verkauft werden. Hier liegt eines der Probleme: die Preise für diesen staatlichen Aufkauf bieten keinen Produktionsanreiz, zumal die Zahlungsbedingungen oft nicht eingehalten werden (können).
- Die landwirtschaftliche Produktion ist seit mind. der Pandemie stark rückläufig, die Versorgung mit Lebensmitteln muss zum großen Teil durch Import gewährleistet werden. Insbesondere die Zuckerproduktion liegt weitgehend am Boden. Aufrufe, aus der Not geboren, jedes verfügbare Land um Unternehmen und Einrichtungen sowie in den Gemeinden produktiv nutzen.
Die Reaktivierung der landwirtschaftlichen Produktion genießt oberste politische Priorität
- im Jan. 2022 wurden dazu 63 Maßnahmen verabschiedet, die bislang noch nicht den erwarteten Erfolg gezeigt haben.
- Im Mai 2022 wurde das Gesetz für Ernährungssouveränität und Ernährungssicherheit verabschiedet.
- Gegenwärtig wird ein „Ley de Propriedad, Posesión y Uso de la Tierra“ – ein Gesetz über Eigentum, Besitz und Nutzung des Bodens breit in der Gesellschaft diskutiert, die Verabschiedung durch die Nationalversammlung ist für Dez. 2025 vorgesehen. Nach bisherigen Informationen soll es neue Möglichkeiten für ausländische Unternehmen und Investoren bieten, nicht aber für den privaten inländischen Sektor. Erbfragen sollen sicher geregelt, eine systematische Erfassung von Grund und Boden soll gewährleistet werden. Vor allem geht es wohl auch um eine effektive Nutzung der landwirtschaftlichen Flächen.
- Worüber klagen die Bauern selbst? Bei einer Mesa Redonda – einem runden Tisch im Fernsehen im Okt. 2024: sie sollen produzieren ohne Ressourcen, Sprit und Devisen, ohne Betriebsmittel, Bewässerungssysteme und Organisation, es fehlen Arbeitskräfte, eine pünktliche Bezahlung aus den Verträgen ist nicht gewährleistet. Die politisch gewollte Bancarización (bargeldloser Zahlungsverkehr) ist auf dem Land kaum durchführbar, sie soll aber auch für eine größere Transparenz sorgen. Es gibt Schwierigkeiten bei der Kommerzialisierung der Produktion, mit dem Ergebnis, dass Produktion auf dem Feld bleibt. Die Zusammenarbeit mit den staatlichen Unternehmen ist oft nicht gut. Die Produzenten haben soziale Aufgaben und sollen zunehmend Verantwortung in den municipios = Gemeinden übernehmen.
- Der Bericht über die Situation in der Landwirtschaft in der zuständigen Kommission der Nationalversammlung im Juli 2025 wurde nicht angenommen, es entfaltete sich eine lebhafte Diskussion. Die Produktion von Reis, Gemüse, Bohnen und Mais, Eiern entspricht nicht den vorhandenen Produktionskapazitäten und schon gar nicht dem Bedarf der Bevölkerung. Seit 2019 ist die Fleisch- und Milchproduktion nachhaltig zurück gegangen, die Fortpflanzung ist zu verbessern. Mehr Input und zuverlässige Finanzierung sind unabdingbar. Die staatliche Kontrolle der Produktionsbasis und die Prüfung von Beschwerden ist unzureichend. Die Nutzung von erneuerbaren Energien und die Einführung von Technologien und Wissenschaft ist zu forcieren. In der Debatte der Abgeordneten spielten die extrem hohen Preise für landwirtschaftliche Produkte (für Zwischenhändler) eine Rolle. Die Sorge wurde geäußert, dass die Viehzucht in Kuba ohne Anreize keine Zukunft haben würde. Viehdiebstahl und heimliche Schlachtung und Verheimlichung von Geburten etc. sind an der Tagesordnung. Entscheidungen werden zu langsam und ineffizient umgesetzt. Die Erfahrungen der Produzenten müssen besser genutzt werden. Die Agrarproduktion muss sich lohnen, mit realen Preisen und zuverlässiger Zahlung. Produktions- (Verarbeitung) und Wertschöpfungsketten müssen ausgebaut werden.
- Im November 2025 wurde das Regierungsprogramm zur Korrektur von Verzerrungen und zur Wiederbelebung der Wirtschaft veröffentlicht, das bis zum Ende des Jahres breit auf allen Ebenen diskutiert werden soll. Bereits das dritte Hauptziel beinhaltet die Erhöhung der nationalen Produktion, mit Betonung auf der Produktion von Nahrungsmitten. Es beinhaltet dann spezifische Ziele und Aktionen auch mit Indikatoren und Mengenangaben. Im einführenden Text ist die Rede von der Schaffung von Produktionsanreizen und einem geregelten Zugang zu materiellen und finanziellen Ressourcen sowie von der Verbesserung der Prozesse zu vertraglichen Vereinbarungen und dem staatlichen Aufkauf. Außerdem sollen die Herausbildung von Produktionsketten zwischen dem staatlichen und dem nichtstaatlichen Sektor stimuliert und das vorhandene Potential ausgenutzt werden. Wie das geschehen soll, wird nicht näher beschrieben. Außerdem wird ein Programm für die Entwicklung der Viehzucht vorgelegt werden. Ausdrücklich erwähnt wird die intensive Kontrolle der Nutzung des Bodens und des Viehbestandes und die „Rettung“ der Zuckerindustrie.
Es gibt auch konkrete Beispiele für neue Möglichkeiten in der Landwirtschaft
- Schon Anfang 2025 wurde mitgeteilt, dass erstmals in Pinar del Río Land an ein ausländisches Unternehmen für zunächst 3 Jahre vergeben wird, an ein vietnamesisches, zur Produktion von Reis in eigener Regie. Dieses brachte Düngemittel, Herbizide und andere Produktionsmittel mit, auch eigene Hybridsorten, also die eigene Technologie und einige Fachkräfte. Ein kubanischer Agrarbetrieb stellt Arbeitskräfte und Maschinen zur Verfügung und erbringt bezahlte Dienstleistungen für das vietnamesische Unternehmen im Bereich Ernte, Trocknung und Mahlen. Die ersten Resultate waren sehr erfolgreich und wurden an Kuba verkauft, unter Umgehung der sonst hohen Transportkosten. (mehrfache Berichte)
- Ein weiteres Beispiel betrifft den Kaffee-Anbau im Osten Kubas. Ein Joint Venture BioCubaCafé S.A. (Italien) stellt für die Ernte ein Paket von Materialien zur Verfügung, von Werkzeugen und Verpackungsmaterial, Öle und Schmiermittel über kostenloses Essen für die Kantine, Kleidung, Schuhe, Rucksäcke und Treibstoff. Grundlage ist ein Produktionsvertrag mit einem ständigen Controlling. (Granma 24.9.2025)
- Kuba und Brasilien haben eine Intensivierung der Kooperation unter Berücksichtigung der brasilianischen Erfahrungen auf der kommunalen Ebene und in der Agrarökologie. Konkrete Maßnahmen wurden vereinbart insbesondere bei der lokalen Produktion von Nahrungsmitteln und bei der Konsolidierung von Schulversorgungsprogrammen. (amerika 21 30.9.2025)
- Das Königreich Saudi-Arabien hat einen Schwerpunkt bei hydraulischen Ressourcen, die auch in der Landwirtschaft genutzt werden. So unterstützt es Kuba mit Investitionen in Bewässerungssysteme in Verbindung mit Fotovoltaik und Harz für Rohre und Leitungen. (Granma 27.10.2025)
- In Ciego de Avila werden seit 2024 Ölsaaten angepflanzt: Sonnenblumen, Sesam und Soja und weiterhin Erdnüsse. Noch ist nicht alles nach Plan verlaufen, Verbesserungen sind noch nötig wie die Auswahl des besten Saatguts und der Sorten, technologische Praktiken und vor allem auch die Vermarktung. Dabei müssen Wissenschaft und Forschung genutzt werden. Neue Beschäftigungsmöglichkeiten sind entstanden. (Granma 8.10.2025)
- 10 Projekte im Osten Kubas erhalten in einem ersten Schritt Unterstützung der Europäischen Union in Höhe von 40.000 Dollar, die sich an die neuen wirtschaftlichen Akteure richtet, das sind die privaten kleineren Unternehmen und Projekte lokaler Entwicklung. (Redaktion OnCuba 7.10.2025)
- Drohneneinsatz in Pinar del Río in Zusammenarbeit mit dem Unternehmen Geocuba, zunächst zur Bestandsaufnahme der Schäden nach dem Hurrikan Ian 2022 in der Tabakproduktion, später auch zur Kartierung und Zertifizierung von Anbauflächen. Dabei wurden manche gemeldeten Ungereimtheiten festgestellt. Die Drohnen werden auch zur Bekämpfung von Schädlingen eingesetzt. (Granma 14.10.2025)
- Kuba will 2026 in größerem Stil Reis anbauen, in 14 Provinzen, insgesamt etwa 200.000 ha, ca. die Hälfte durch große Unternehmen, der Rest mit sogenanntem „Volksreis“, bei dem jeder teilnehmen kann zur Selbstversorgung oder auch als Beitrag zur nationalen Bilanz. Unterstützt wird das Projekt von der Kommunistischen Partei Vietnams. Die Versorgung mit Wasser und Treibstoff soll weitgehend sichergestellt werden. (Granma internacional, deutsch, Nov. 2025)

El Programa concibe la actualización de los mecanismos de contratación y acopio de los productos agropecuarios. Foto: José Manuel Correa, Granma 22.11.2025
Das Programm konzipiert die Mechanismen der Vertragsgestaltung und des staatlichen Aufkaufs von landwirtschaftlichen Produkten

So wie Kuba für die Reisspenden aus Vietnam dankbar ist, so ist es dies auch für die Unterstützung zur Stärkung der nationalen Produktion des Getreides, sagte der Premierminister Photo: Estudios Revolución, Granma 25.4.2025
Angelika Becker