Das gebeutelte Land
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Unterwegs in Kuba: »Der Frieden der Ameisen« von Matthias Gutsch
→Matthias Gutsch: Der Frieden der Ameisen. Eine politische Reiseerzählung: Kuba 2025. Books on Demand, Hamburg 2026, 120 Seiten, 15 Euro
Auch wenn die Kuba-Solidarität alles andere als bibliophob ist, tut sich die Buchwirtschaft schwer mit Lektüre über den sozialistischen Inselstaat. Matthias Gutsch hat mit seinem Reisebericht Verlage gleich ganz umgangen und »Der Frieden der Ameisen« von der Selbstpublikationsplattform »Books on Demand« herausbringen lassen. Und auch wenn bundesdeutsche Verlage nur noch selten gute Lektorinnen und Lektoren aufbieten, hätte dem Buch ein Lektorat sicher nicht geschadet. Das hätte womöglich die Anführungszeicheninflation im ersten Teil des Buchs eingehegt und vielleicht hier und da eingewandt, dass der Autor sich in zunehmendem Maße dem Machismo ergibt: »Schade um die hübsche Imbissbesitzerin. Ich hätte sie gern gerettet. Aber mein Drehbuch ist die Realität. Und ich glaube, die ist mir lieber.«
Realistisch aber ist: Von einem Zahnarzt, der die Solidaritätsarbeit nicht scheut und dringend benötigtes medizinisches Gerät nach Kuba bringt, muss man nicht verlangen, dass er auch noch gut schreiben kann, so oft er im Buch auch darauf hinweist, wie vielen sein Liebesgedicht im Spanischkurs der Universität von Havanna gefallen hat. Und auch der manchmal schmierige Male Gaze ist nicht der einzige Blick auf ein von der Blockade gebeuteltes Land: »Das ist der alltägliche Spagat meiner kubanischen Kolleginnen und Kollegen. Sie verschieben soweit möglich Zahnextraktionen und oralchirurgische Eingriffe, da Kuba kaum noch Anästhetika herstellen kann, chirurgisches Nahtmaterial und Injektionsnadeln selten ins Land gelangen. Oft kann nur noch Schwangeren und Kindern eine Betäubung angeboten werden. (…) Diese Blockade verursacht absichtliches Leid, fordert täglich Menschenleben, vom Neugeborenen bis zum Rentner.« Um so wichtiger für die Medizinerinnen und Mediziner: Prophylaxe, Aufklärung und Hausbesuche, um Operationen zu vermeiden, ehe sie unumgänglich werden.
Matthias Gutsch gibt mit »Der Frieden der Ameisen« frische Einblicke ins kubanische Bildungs- und Gesundheitssystem sowie in den kubanischen Alltag, der geprägt ist von Engpässen, vom US-Imperialismus mit seiner Blockade bewusst geschaffen. Der Autor selbst war einer der glücklichen DDR-Bürger, die den Bruderstaat vor dem Kollaps des Sozialismus in Europa besuchen konnten. Leider lässt er uns nur selten daran teilhaben, wie sich Kuba mit den Jahrzehnten, der »Sonderperiode« der Neunziger und dem gleichzeitigen Ausbau des Tourismus als wichtigstem Wirtschaftssektor, verändert hat. Denn gerade weil man in Kuba an der Revolution festhält, verändert sich dieses Land durch Druck von außen und innere Korrekturen fortwährend.