Friss oder stirb
Aus Kreisen der US-Regierung wurden zuletzt Behauptungen laut, die eine andere Sicht auf den 3. Januar suggerieren: US-Offizielle sagten gegenüber dem Guardian, dass sich Rodríguez bereits vor dem Tag in Gesprächen mit Washington als Alternative zum Präsidenten in Stellung gebracht habe. Ebenfalls auf Quellen in der US-Regierung basierend, meldete Reuters, dass Cabello schon Monate zuvor im Kontakt mit den USA gestanden habe. Beide widersprachen den Berichten vehement.
Mit ihren jüngsten Entscheidungen scheint die venezolanische Übergangsregierung sowohl der Opposition als auch Washington entgegenzukommen. 808 Menschen seien in den vergangenen Wochen freigelassen worden, erklärte Innenminister Cabello am Montag. Darunter waren auch Personen, die aus politischen Gründen inhaftiert worden waren. Reuters meldete gleichentags, dass der Mitte Januar verkündete Verkauf venezolanischen Öls unter US-Schirmherrschaft nun in die Tat umgesetzt wird. Das Parlament in Caracas hat am Donnerstag außerdem ein Gesetz in erster Lesung gebilligt, das die Ölförderung für ausländische Konzerne öffnen soll.
Einiges deutet jedoch darauf hin, dass auch Maduro diesen Kurswechsel vollzogen hätte. Nur wenige Tage vor seiner Entführung – nachdem der Druck aus Washington monatelang immer stärker geworden war –, sagte er: »Wenn sie Öl wollen, ist Venezuela bereit für US-Investitionen wie im Fall von Chevron, wann immer sie wollen, wo immer sie wollen und wie immer sie wollen.« Auch Ñáñez sagte auf der Konferenz: »Öl an die USA zu verkaufen war schon immer unser Plan.« Hinter der Rationalität der völkerrechtswidrigen US-Aggression bleiben daher Fragezeichen. Widersprüchlich ist auch, dass Washington noch immer Öltanker in der Karibik kapern lässt – nach dem 3. Januar waren es ganze vier –, obwohl Trump stets verkündet, Rodríguez tue genau, was er selbst wolle.
Der US-Präsident begründete die Luftangriffe auf Venezuela damit, er wolle »Land, Ölrechte und alles, was sie von uns gestohlen haben, zurückbekommen«. Die US-Ölriesen reagierten jedoch auffällig zurückhaltend auf seine Forderung, wieder in dem Land zu investieren, das sich im Zuge der Bolívarischen Revolution seine Energiesouveränität hart gegen Washington erkämpft hatte. Trump verlangt, dass die Energiemultis 100 Milliarden US-Dollar in die Hand nehmen – doch angesichts der niedrigen Ölpreise und der hohen Förderungskosten des sehr schweren venezolanischen Öls scheint sich eine solch enorme Investition für die Konzerne nicht zu rentieren.
Ein entscheidendes Hindernis für die Rückkehr der US-Energiekonzerne ist außerdem hausgemacht: die noch immer geltenden Wirtschaftssanktionen gegen Venezuela, die das Land in eine tiefe Krise gestürzt haben. Caracas unterliegt mehr als 400 ökonomischen Strafmaßnahmen, wie die New York Times (NYT) am Freitag berichtete. Allein die staatliche Ölgesellschaft PDVSA nach Informationen über den Zustand der Ölinfrastruktur zu fragen könne die Konzerne in rechtliche Schwierigkeiten bringen, sagte NYT zufolge ein Branchenvertreter bei einem Treffen im Weißen Haus diesen Monat. Besonders die erst vor kurzem beschlossene Aufnahme von venezolanischen Regierungsmitgliedern auf Terrorlisten stelle die Unternehmen demnach vor Probleme – die Verantwortlichen riskieren dadurch nicht nur Geld-, sondern gar Gefängnisstrafen.