US-Treibstoffexporte: Kubas Energiespielraum wächst – und schrumpft zugleich

Die Energiesituation in Kuba hat sich zuletzt leicht entspannt: Das Defizit im Stromnetz ist in den letzten Wochen auf Werte deutlich unter 2000 Megawatt gesunken, während der Verkehr läuft – zwar auf niedriger Flamme, aber eben deutlich mehr als viele Szenarien für diese Jahreshälfte erwartet hätten. Neue Handelsdaten liefern Hinweise auf die Ursache: Sie zeigen, dass immer mehr Treibstoff aus den USA auf die Insel gelangt.
Laut dem US-Cuba Trade and Economic Council beliefen sich die US-Kraftstoffexporte nach Kuba im August auf 74,8 Millionen US-Dollar. Seit Januar summieren sich die Ausfuhren auf 231,7 Millionen Dollar. Die Zahlen beruhen auf offiziellen Außenhandelsregistern der USA. Bis Juli hatte der Rat 156,8 Millionen Dollar ausgewiesen, die Exporte wuchsen also zuletzt rasch.
Den größten Einzelposten des Monats bildete bleifreies Benzin aus Miami mit 23,8 Millionen Dollar. Aus Miami gingen zudem leichte Heizöle mit niedrigem Schwefelgehalt im Wert von 21,4 Millionen Dollar auf die Reise, aus Houston-Galveston weitere 12,9 Millionen Dollar. Zu dieser Kategorie zählen Schiffsdiesel und hochwertiger Diesel. Im Zeitraum Januar bis August führen diese leichten Heizöle die Statistik an: 53,3 Millionen Dollar entfielen auf Houston-Galveston, 46,5 Millionen auf Miami. Tampa und New Orleans sind Nebenhäfen mit kleineren, aber regelmäßigen Mengen.
Die Lieferungen laufen über einen der wenigen noch aktiven Handelskanäle zwischen beiden Ländern und unterliegen strengen Auflagen. Sie werden vom US-Finanzministerium im Einzelfall im Rahmen der Ausnahmeregelung genehmigt. Nach Angaben des Handelsrats profitieren davon vor allem Reedereien und Händler mit Sitz in Florida. Die Lieferungen dürfen ausschließlich an Privatbetriebe erfolgen, die in Kuba inzwischen Tankstellen pachten können.
Beschlagnahmte Fracht
Parallel dazu versuchen die USA, Kuba von allen anderen Treibstoffquellen abzuschneiden und Kontrolle auszuüben. Vergangenen Mittwoch haben US-Behörden die Beschlagnahme von 90 einzelnen Biodiesel-Sendungen bekanntgegeben, die insgesamt rund 2,3 Millionen Liter umfassen. Nach Angaben der Heimatschutz-Ermittlungsbehörde HSI waren die Lieferungen für die Enetec S.A. bestimmt, ein staatliches Unternehmen mit Sitz in Havanna, das die USA Anfang des Jahres sanktioniert hatten.
Es war binnen einer Woche die zweite Bekanntgabe dieser Art. Die US-Küstenwache hatte zuvor mitgeteilt, im September ein großes Containerschiff mit Treibstoff für Kuba abgefangen zu haben. Deren Angaben nach hatte das Schiff versucht, sich den Behörden zu entziehen, und große Mengen Treibstoff in den Ballasttanks versteckt. Zuvor wurden Anfang des Jahres mehrere Schiffe von der US-Küstenwache abgefangen und umgeleitet, die Treibstoff nach Kuba liefern wollten. Lediglich ein einziger russischer Tanker kam noch Ende März an.
Wachsende Abhängigkeit
Die Beschlagnahmungen sind Teil der Energieblockade, die die Trump-Administration nach der Entführung des venezolanischen Staatschefs Nicolás Maduro im Januar gegen Kuba verhängt hat. Erklärtes Ziel ist es, die Regierung in Havanna zu stürzen und Kuba wieder unter US-Einfluss zu bringen. UN-Experten haben das Vorgehen mehrfach als illegal und völkerrechtswidrig kritisiert und angesichts der humanitären Folgen wie massiven Stromausfällen und Knappheit an medizinischen Gütern vor einem „stillen Gaza“ in der Karibik gewarnt.
Die Strategie ging bisher nicht auf, Kuba hat sich als sehr viel resilienter als erwartet gezeigt. Washington übt sich deshalb in Geduld und versucht die Handelsströme Kubas unter Kontrolle zu bringen, wie sich zuletzt auch im Fall des kanadisch-kubanischen Nickel-Joint-Ventures Sherritt gezeigt hat, das von Trump-nahen Investoren übernommen wurde. Ähnliches gilt im Falle der Treibstofflieferungen, über deren Genehmigungen, Ausnahmen und Beschlagnahmen allein Washington bestimmt. Ziel ist es, Kuba ökonomisch ins US-amerikanische Gravitationszentrum zu bringen und mittels Sanktionsdrohungen gegen Drittstaaten zu isolieren, um politischen Einfluss aufzubauen. Dass US-Außenminister Marco Rubio dabei auch nicht vor gezielten Restriktionen gegen den Privatsektor zurückschreckt, hat die letzte Sanktionsrunde gezeigt. Weitere dürften folgen.
Damit ist Kubas Abhängigkeit von den USA dieses Jahr massiv gestiegen, während die Lieferungen zugleich den Bedarf nicht annähernd decken. Doch sie sind ausreichend umfangreich, dass eine Entscheidung in Washington die Energiekrise in kurzer Zeit wieder massiv zuspitzen könnte – weshalb Kuba den Ausbau der erneuerbaren Energien mit voller Kraft priorisiert. Nach jüngsten Daten des kubanischen Energieministers sind inzwischen 1418 Megawatt an Solarleistung installiert, die sich auf 144 Parks verschiedener Größe aufteilen und 21,4 Prozent des Strombedarfs liefern: Deutlich mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein, doch noch zu wenig, um sich dem Druck aus Washington entziehen zu können.