Kuba: Krise, Disput und Horizont
Bericht Encuentro Latinoamericano – CELA 2026 – 8-9 de julio 2026, Bootshaus Universität Kassel: CUBA: CRISIS, DISPUTAS Y Horizontes
Lateinamerikanisches Treffen – CELA 2026 vom 8. – 9. Juli im Bootshaus der Universität Kassel: Kuba: Krise, Disput und Horizont
Veranstalter: Centro de Estudios Latinoamericanos der Universität Kassel (CELA) und der DAAD, außerdem beteiligt: Maria Sybilla Merian Center for Advanced Latin American Studies (CALAS)( (http://calas.lat/en/publications), in Deutschland beteiligt Universität Bielefeld, Leibnitz-Universität Hannover und Universität Kassel, im Ausland: Mexiko, Costa Rica, Ecuador, Brasilien, Argentinien und Kuba.
Teilnehmer: mehr als erwartet: rund 60 Personen, teilweise Studenten. 10 Professoren aus Kuba, überwiegend von der Universität Havanna, aber auch des CIPS – Centro de Investigaciones Psicológicas y Sociológicas , Professoren aus den CALAS-Ländern, außerdem der Brown-University, eine der renommiertesten US-Unis, Studiengebühren: 68.230 USD (2023 – 24). Aus Deutschland Bert Hoffmann (GIGA) und Ulrike Dorfmüller (Hamburg Institute for Advanced Study (HIAS). Auch 2 Professor:innen aus Dresden, die selbst schon im Nov. 2024 eine Kuba-Konferenz durchgeführt haben. Im Publikum auch der kubanische Prof. Dr. C. Ing Osvaldo Romero, srh-university Hamburg, unser alter Freund. Außerdem Knut Henkel, freier Journalist, oft schreibend für die TAZ.
Die Tagung diente einerseits dem direkten Austausch mit den kubanischen Wissenschaftlern, dieser wurde andererseits ergänzt durch die Forschungsergebnisse ausländischer Professoren bezogen auf Kuba (Objektivierung). Sie fand auf Spanisch statt, mit Ausnahme einer öffentlichen Abendveranstaltung ebenfalls in Räumen der Uni Kassel, auch sehr gut besucht von rund 60 Personen, die nicht an der Konferenz selbst teilgenommen haben. Bei beiden Veranstaltungen habe ich mich in einem Redebeitrag als Vertreterin der deutschen Soli-Bewegung für Kuba vorgestellt und dafür viel Beifall bekommen. Der Leiter der kubanischen Delegation kam zu mir und dankte für die Teilnahme und für unsere Arbeit.
An beiden Tagen gab es jeweils 3 Panels mit jeweils 4 Teilnehmern, wobei kein Zweifel gelassen wurde, wer für die katastrophale Lage Kubas verantwortlich ist.
- Kuba in der globalen Konjunktur: Geopolitik, Finanzen und Handlungsspielräume
- Zwischen Krise und Neuaufstellung: soziale Spannungen, die offizielle Politik und transnationale Verbindungen
- Arbeit, Beschäftigung und sozioökonomische Transformationen im gegenwärtigen Kuba
- Geschichte, Kultur, Sprache und Bilder der kubanischen Gegenwart (Film, Literatur, Erzählungen und Bilder)
- Landwirtschaft (familiäre Strategien), Umwelt und Nachhaltigkeit: Herausforderungen der Transformation
- Krise, Entwicklung und Zukunft.
Es gab viele Informationen zu einem breiten Spektrum an Themen, nichts für uns grundsätzlich Neues, aber auch aktuelle Zahlen, Tabellen und Übersichten.
Auf großes Interesse stießen die Beiträge zum Wandel in der Arbeitsgesellschaft: nur rund die Hälfte der Bevölkerung (Frauen 36,4%) ist erwerbstätig, wobei die informelle Arbeit inzwischen 25 % erreicht. Es ist eine „Deregulierung“ zu beobachten, z.B. was das Arbeitsrecht und den Arbeitsschutz angeht, die Arbeitseinkommen reichen nicht aus, angesichts von Mangel und Inflation. Die „würdige Arbeit“ gerät in Gefahr. Die Bedeutung der Familie nicht nur ökonomisch, sondern auch bei der Erziehung wächst, auch durch die Emigration und die Binnenmigration, was auch eine schleichende Individualisierung durch den Aufwand des Lebens im Verhältnis zu gesellschaftlicher Fürsorge mit sich bringt. Traditionelle Strukturen leben wieder auf, mit Unterschieden zwischen Stadt und Land. Angesichts der Veränderungen müssten den Gewerkschaften neue Aufgaben zuwachsen, über die Partizipation in den staatlichen Unternehmen hinaus.
Interessant war, dass fast alle Vorträge die neuen 176 Maßnahmen der kubanischen Regierung, bestätigt durch die PCC und die Nationalversammlung, beinhalteten, aber keine Bewertungen abgegeben wurden, insbesondere nicht zur unter Linken debattierten Frage, ob sie den Sozialismus beenden oder retten. Allenfalls die Frage der Realisierbarkeit, der Implementierung, mit welchen Kräften, wie schnell und tiefgreifend, spielte eine gewisse Rolle. Offenbar ist die Funktionsfähigkeit des Staats weiterhin gegeben. Möglicherweise geht es darum, Zeit zu gewinnen. Interessant ist auch die Feststellung, dass hier nicht eine Opposition wesentliche Veränderungen, eine Transformation, fordert, sondern es die Regierung selbst ist, die diese seit langem plant und jetzt umsetzen will angesichts einer unmittelbaren Bedrohung. Dabei sollen ausländische Partner neben der kubanischen Emigration eine wesentliche Rolle spielen bei gleichzeitig erweiterten Möglichkeiten für den Privatsektor.
Es herrschte eine sehr pessimistische Sicht auf die Zukunft Kubas vor, auf das Verhalten der USA – eine neue politische Konstellation ist nicht in Sicht, eine Übernahme Kubas lässt nichts Positives erwarten für Wirtschaft und Gesellschaft –, auf die verzweifelte Ohnmacht Kubas und das völlige Darniederliegen der Wirtschaft, auf Armut und den Verlust der Errungenschaften. Der Widerstand des kubanischen Volkes ist hierzulande unfassbar und nur verständlich vor dem Hintergrund: es gilt die mit der Revolution errungene Souveränität nach kolonialer und imperialistischer Vereinnahmung zu verteidigen. Offenbar ist der Bevölkerung auch bewusst, was auf dem Spiel steht: nicht nur das bislang gute kostenlose Gesundheits- und Bildungswesen, die bescheidene soziale Sicherheit, die starke Stellung der Frauen in allen Bereichen der Wirtschaft und Gesellschaft, die kulturellen und sportlichen Möglichkeiten … im Gegensatz zum „Angebot“ der USA und die Erfolge bei der Bekämpfung des Rassismus. Aber die Erschöpfung und Verzweiflung wächst auch, auch wenn ein Aufstand gegen die kubanische Regierung für wenig wahrscheinlich gehalten wurde.
Ein stärkeres und wirksames Engagement von China, Russland und den BRICS für Kuba wurde im Kontext einer möglichen Eskalation im globalen Maßstab bis hin zu einem Dritten (atomaren) Weltkrieg gesehen.
Die Politik der Bundesregierung und der EU wurde durchweg verurteilt, nicht nur was Kuba betrifft, sondern auch allgemein die bedingungslose Unterwerfung unter US-Interessen. Illusionen über eine US-Interesse an Menschenrechten und demokratischer Entwicklung waren nicht vorhanden. Sicher vorhandene Skepsis gegenüber Kuba, was Demokratie und Repression angeht, wurde nicht laut geäußert, allenfalls als Seufzer: die notwendigen Transformationen sollten auf demokratischem Wege umgesetzt werden. Der Prozess der Differenzierung der kubanischen Gesellschaft tauchte immer in der Rubrik „Problem“ auf. Kuba lag allen Beteiligten am Herzen.
Es gäbe noch viele wichtige dort gehaltene Beiträge (z.B. zur Energiepolitik, zum Klimawandel, zur Landwirtschaft) aufzugreifen, was hier den Rahmen sprengt. Wichtig wäre es, dass die Beziehungen der beteiligten Unis, Professoren und Studenten zu Kuba vor Ort von den Gruppen der Soli-Bewegung genutzt werden, um sachliche Informationen über Kuba zu verbreiten und Sympathie und Engagement für Kuba zu wecken.
Angelika Becker 29.7.2026