Wenn der Staat schützt: Warum Kuba Hurrikans überlebt
Hurrikan „Melissa“ in der Karibik
Der Hurrikan „Melissa“ verwüstete die Karibik: mit 23 Toten in Haiti, acht in Jamaika. Kuba meldete null Opfer. Warum schweigen Medien? Ein Essay über Zynismus und Verzerrung.
30.10.2025

Ein Satellitenbild zeigt Hurrikan „Melissa“ZUMA Press Wire/imago
Wieder einmal hat ein Hurrikan die Karibik verwüstet. Wieder einmal berichten europäische Medien von „Dutzenden Toten in der Karibik“. Und wieder einmal wird ein fataler journalistischer Fehler begangen: Die pauschale Zusammenfassung der Opferzahlen aus Haiti, Jamaika und Kuba suggeriert eine gleichmäßige Verteilung des Leids. Doch nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein.
Die New York Times macht es vor: In ihrer Berichterstattung über den Hurrikan „Melissa“ differenziert sie präzise zwischen den betroffenen Staaten. Haiti mit mindestens 23 Toten, Jamaika mit acht bestätigten Opfern – und Kuba? Kuba meldet null Todesopfer. Keine einzige Person starb, obwohl der Sturm als Kategorie-5-Hurrikan über die Insel fegte.
Das kubanische Wunder
Diese Diskrepanz ist kein Zufall, sondern das Ergebnis eines der effektivsten Zivilschutzsysteme der Welt. Während in Haiti die Todesrate bei Hurrikans bei 4,2 pro 100.000 Einwohner liegt, beträgt sie in Kuba lediglich 0,03, so die Weltbank in einem Bericht – das ist eine 140-fach niedrigere Quote.
Bei Hurrikan „Melissa“ evakuierte Kuba präventiv 735.000 Menschen. Die Evakuierungsrate liegt regelmäßig bei über 90 Prozent der gefährdeten Bevölkerung.
Das System funktioniert wie ein Schweizer Uhrwerk: 72 Stunden vor dem erwarteten Eintreffen eines Sturms beginnt die erste Warnstufe. Lokale Zivilschutzkomitees, die in jedem Wohnblock präsent sind, organisieren die Evakuierungen. Besondere Aufmerksamkeit gilt Schwangeren, Älteren und Menschen mit Behinderungen. Schulkinder üben regelmäßig Evakuierungsszenarien.
Haitis tragische Realität
Der Kontrast zu Haiti könnte brutaler nicht sein. In dem verarmten und von Kolonialstaaten ausgebeuteten Nachbarland, das von vielen als gescheiterter Staat bezeichnet wird, fehlt jegliche funktionierende Infrastruktur für den Katastrophenschutz. Während Kuba 48 Stunden vor einem Sturm mit organisierten Evakuierungen beginnt, schafft Haiti maximal zwölf Stunden Vorlaufzeit – wenn überhaupt. Die Folgen sind verheerend: Bei Hurrikan „Matthew“ 2016 starben in Haiti mehr als 670 Menschen, während Kuba bei ähnlicher Sturmintensität nur vier Todesopfer zu beklagen hatte.
In Haiti blieben nach „Matthew“ 60 Prozent der Gesundheitseinrichtungen über vier Wochen geschlossen. In Kuba waren die Krankenhäuser binnen 72 Stunden wieder voll funktionsfähig – trotz massiver Infrastrukturschäden.
Der zynische Westen
Hier offenbart sich die ganze Perversität westlicher Politik: Ausgerechnet jenes Land, das seine Bevölkerung am effektivsten vor Naturkatastrophen schützt, wird seit Jahrzehnten mit einer völkerrechtswidrigen Blockade stranguliert. Die USA haben unter Trump die Remittances – Geldüberweisungen von Exilkubanern an ihre Familien – auf 1000 US-Dollar pro Quartal gedeckelt und Western-Union-Transfers zeitweise komplett unterbunden.
Schätzungen zufolge geht Kuba dadurch jährlich mehr als eine Milliarde US-Dollar verloren.
Die jüngste Wiedereinführung der „Cuba Restricted List“ unter der neuen US-Regierung verschärft die Situation erneut. Western Union musste im Februar 2025 seine Dienste nach Kuba wieder einstellen. Dies trifft ein Land, das trotz aller Widrigkeiten zwei bis drei Prozent seines Staatshaushalts in den Zivilschutz investiert – während das reiche Jamaika auf internationale Hilfe angewiesen bleibt.
Europas Mitverantwortung
Auch Europa trägt Mitverantwortung. Zwar stellt die EU offiziell 125 Millionen Euro für die Zusammenarbeit mit Kuba bereit (2021–2027), doch europäische Banken und Unternehmen ziehen sich aus Angst vor Sanktionen der USA zunehmend aus Kuba-Geschäften zurück. Die wirtschaftliche Kooperation wird behindert, Investitionen werden blockiert, Unternehmen bedroht.
Dabei zeigt gerade die jüngste Katastrophe, was Kuba leistet: Während in Haiti Kinder in den Fluten ertranken, evakuierte Kuba systematisch seine Bevölkerung. Während in Jamaika 77 Prozent der Bevölkerung ohne Strom waren, koordinierte Kuba präzise Rettungsaktionen selbst in entlegenen Bergregionen.
Die unbequeme Wahrheit
Die Weltbank beziffert Kubas Schadensquote nach Hurrikans auf 0,5 Prozent des BIP – in Haiti sind es 4,7 Prozent. Diese Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Ein funktionierender Staat mit einem organisierten Zivilschutzsystem rettet Leben und minimiert wirtschaftliche Schäden, selbst unter widrigsten Bedingungen.
Es ist an der Zeit, dass europäische Medien diese Unterschiede klar benennen. Es ist irreführend und respektlos gegenüber den Opfern, wenn die Toten Haitis mit der erfolgreichen Evakuierungspolitik Kubas in einen Topf geworfen werden. Und es ist zynisch, wenn der Westen ein Zivilschutzsystem mit sanktioniert, das beweist, dass der Schutz von Menschenleben möglich ist – wenn der politische Wille vorhanden ist.
Die Lehre aus Hurrikan „Melissa“ ist eindeutig: Nicht die Stärke des Sturms entscheidet über die Zahl der Opfer, sondern die Stärke des Staates und seiner Institutionen.